Nach einem langen Reisemarathon und 3 Flügen (nach gut 24 Stunden unterwegs) kamen wir am 9.12. gegen 10.30 Uhr ziemlich müde am Flughafen Phnom Penh an. Um uns die nervigen Diskussionen und Verhandlungen mit der Horde Tuktuk-Fahrer zu ersparen, die einen bei der Ankunft immer bestürmen, bezahlten wir am Prepaid-Stand 7 Dollar und ließen uns dann mit dem Tuktuk in die Stadt fahren. Die Tuktuks hier sind anders als die indischen, sie bestehen aus einem Moped mit einem großen Passagieranhänger daran und man hat wesentlich mehr Platz als in einem indischen Gefährt.
Wir ließen uns zu einem Guesthouse bringen, das in unserem Reiseführer ganz gut beschrieben wurde und da wir so müde waren, nahmen wir dort ein sehr schönes Zimmer, das aber mit 15 $ eigentlich über unserem Budget lag. Die günstigeren Zimmer waren angeblich für diesen Tag voll, aber man versicherte uns, wir könnten am nächsten Tag in einen billigeren Raum wechseln, wenn wir denn unbedingt wollen. So verbrachten wir unsere erste Nacht in Kambodscha in einem tollen schicken Zimmer mit antiken (?) Möbeln und einer klasse Dusche mit heißem (!!!) Wasser! :-)
Am nächsten Morgen wechselten wir aber in einen Raum für 9 Dollar und begaben uns auf kulturelle Erkundungstour in das Nationalmuseum, das Gelände des Königspalast und der Silberpagode. Im Museum gab es schöne alte Khmer-Kunst wie Steinskulpturen und ausgegrabene Dinge aus alten Zeiten zu sehen. Khmer ist übrigens der Name der kambodschanischen Hauptbevölkerungsgruppe. Die Sprache Kambodschas nennt man ebenfalls Khmer.
Nach einem Tag voller Besichtigungen wollten wir es uns abends in unserem Zimmer gemütlich machen, als wir uns wunderten, dass lauter kleine Käferchen in verschiedenen Größen über unser Bett und die Vorhänge vorm Fenster krabbelten. Während ich mich vor dem Viehzeug ekelte, sammelte Jan mit üblicher Gelassenheit die Viecher ab und versuchte mich zu beruhigen – so kleine Käfer würden nix tun und seien nicht schlimm. Nun ja, es wurde immer später und als wir uns gegen 2 Uhr nachts dann endlich schlafen legen wollten, liefen die Viecher immer noch munter weiter. Keine Ahnung, wo die immer wieder herkamen! Mich beschlich plötzlich die schlimme Vorahnung, es könne sich um Bettwanzen handeln, aber Jan war überzeugt, dass die anders aussehen würden, bzw. kleiner wären. Also bin ich nochmal aus dem Bett gehüpft und hab den Laptop angemacht und nach Fotos von Bettwanzen gesucht. Und leider sahen die haargenau so aus, wie die Viecher auf unserem Bett!! AAAAAAAAAAH HIIIIILFFE!!!
Nix wie raus aus dem Bett und alle Sachen eingepackt. Während Jan schnell unseren Kram zusammenpackte, ging ich mit dem Laptop unter dem Arm (wo die Fotos der Bettwanzen noch geöffnet waren) schnell runter zur Rezeption, um denen von den Bettwanzen zu erzählen und einen anderen Raum zu bekommen, aber die Rezeption war zu! Vor dem Hotel hatten sich allerdings 3 junge Typen Klappbetten aufgestellt und schliefen, einer döste auf einem Stuhl vor sich hin. Ich den Kerle aufgeweckt und das Problem zu erklären versucht. Er war der englischen Sprache aber nicht mächtig und hatte wohl auch nicht viel zu sagen, denn er klopfte an die Tür der Eingangshalle und weckte ein junges Mädel. Diese zeigte uns ein anderes Zimmer, wo aber ebenfalls Bettwanzen auf den Betten zu sehen waren, bzw auch die verräterischen kleinen Blutflecken auf dem Laken. Angeblich hatten sie aber nur noch dieses eine Zimmer. Wir wollten natürlich unser Geld zurück, aber das Mädel hatte scheinbar keinen Zugriff auf die Kasse. Prima.
Somit hatten wir keine andere Wahl, als mitten in der Nacht (es war ca 2.30 Uhr mittlerweile) mit Sack und Pack durch Phnom Penh zu stapfen, auf der Suche nach einer ungezieferfreien Unterkunft. Klingt ja irgendwie witzig und abenteuerlich, aber nach dem zehnten abgeklapperten Guesthouse, das entweder zu ist oder ausgebucht, ist es irgendwann nicht mehr so toll. Unglücklicherweise war es ja nun auch noch die Nacht von Samstag auf Sonntag. Scheinbar ist es nämlich in Kambodscha üblich, dass gutbetuchte Kambodschaner ihre Wochenenden in Hotels verbringen, denn vor den ausgebuchten Häusern standen die dicken fetten neuen Geländewagen mit Ortskennzeichen. Verrückte Welt.
Gegen 4 Uhr nachts haben wir dann endlich ein freies Zimmer gefunden. Dort rissen wir uns gleich die Klamotten vom Leib und untersuchten alles akribisch auf mitgenommene Bettwanzen. Tatsächlich fanden sich noch drei der ekelhaften Viecher in unserer Kleidung. Obergruselig!!! Das Schlimme an den Viechern ist nämlich, dass man sie sehr schwer wieder los wird und sie auch noch äußerst juckende Bisse verteilen. Ein Alptraum also, die Vorstellung, dass sich Bettwanzen in unserer Kleidung einnisten! Gegen 5.30 Uhr sind wir dann endlich todmüde ins wanzenfreie Bett gefallen.
Am nächsten Morgen (eher gesagt Mittag) haben wir erstmal gemerkt, was für ein hässliches Zimmer wir bekommen hatten. Vor dem kleinen Fenster war direkt die nächste Hauswand und die Zimmertür bestand aus einer getönten Glasscheibe. Nun ja, man kann nicht alles haben…. Auf Nachfrage bei der Rezeption konnten wir allerdings ein anderes Zimmer bekommen, dieses war wirklich schön und ebenfalls für 8 $ zu haben. Somit wechselten wir erneut das Zimmer. Was eine Aufregung! :-) Von dem "verkeimten" Hotel haben wir uns dann übrigens noch unser Geld für die verwanzte Nacht wiedergeben lassen. Also wer demnächst plant, nach Phnom Penh zu kommen - steigt nicht im Royal Guesthouse ab. Es ist nicht königlich :-)
Für diesen Tag hatten wir uns vorgenommen, uns mit einem schlimmen Teil der Geschichte Kambodschas zu beschäftigen – wir wollten die Killing Fields von Choeung Ek und das Tuol-Sleng-Museum (auch S-21 genannt) besichtigen. Darüber zu schreiben, fällt mir sehr schwer und ist einer der Gründe, warum wir erst so verspätet den ersten Kambodschabericht einstellen.
Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Kambodscha hat schon viele schwere Zeiten überstanden und kann auf eine traurige Geschichte voller Gewalt zurückblicken. Seit Jahrhunderten lag es immer mal wieder im Krieg mit Vietnam und Thailand. Kambodscha war auch eine Zeit lang französische Kolonie und wurde in dieser Zeit von den Franzosen vor seinen Nachbarn geschützt, bevor es nach 1953 endlich komplett zur Ruhe kam und unter König Sihanouk unabhängig wurde. Frieden und Wohlstand prägten die kommende Zeit – es waren Kambodschas goldene Jahre und die Tempel von Angkor waren das beliebteste Reiseziel in Südostasien.
Ende der 1960er Jahre erlitt Kambodscha schwere Verwüstungen und Bomben von Vietnamesen und US-Streitkräften.1970 wurde der damalige Premierminister Sihanouk gestürzt und siedelte nach Peking, wo er eine Exilregierung bildete. Er verbündete sich mit der kambodschanischen Revolutionsbewegung, von ihm Rote Khmer genannt. Nun begann eine schreckliche Zeit für das Land Kambodscha. Die Herrschaft der Khmer war eine der weltweit radikalsten und blutigsten Revolutionen. Im Jahr 1975 nahmen die Roten Khmer die Stadt Phnom Penh ein. Der Herrschaftsbeginn der Roten Khmer wurde zum „Jahr Null“ ernannt.
Das Ziel der Roten Khmer war es, Kambodscha – nun umbenannt in Demokratisches Kampuchea – in eine gigantische, von Bauern beherrschte landwirtschaftliche Kooperative zu verwandeln, die alles übertraf, was es bisher gegeben hatte. Innerhalb weniger Tage trieb man die gesamte Bevölkerung Phnom Penhs und der umliegenden Gebiete aufs Land, wo sie ungeachtet von Alter oder Krankheit 12 bis 15 Stunden täglich auf dem Feld arbeiten mussten. Die Menschen erhielten nur karge Mahlzeiten aus Reisbrei und mussten schwere Knochenarbeit verrichten. Sie waren Krankheiten wie Malaria und Amöbenruhr in den Arbeitslagern hilflos ausgeliefert. Intellektuelle rottete man systematisch aus. Es reichte schon, eine Brille zu tragen oder eine Fremdsprache zu sprechen, um ermordet zu werden. Anführer der Roten Khmer war Saloth Sar, besser bekannt als Pol Pot. Als junger Mann hatte er ein Stipendium gewonnen, um in Paris zu studieren. Dort entwickelte er radikale marxistische Ideen, die später zu extremem Maoismus wurden. Unter seiner Herrschaft entwickelte sich Kambodscha zu einem riesigen Zwangsarbeiterlager, es endete in wahnsinnigem Völkermord.
Wie die Nazis führten die Roten Khmer akribisch Buch über ihre Gräueltaten. Sie verwandelten das Tuol-Svay-Prey-Gymnasium in Phnom Penh in ein Sicherheitsgefängnis (Sicherheitsgefängnis 21, S-21 genannt), wo sie 17000 Menschen gefangen hielten. Heute ist dies das Tuol-Sleng-Museum. In die Klassenzimmer wurden hastig mehrere Trennwände gemauert, um viele Zellen und Folterkammern zu schaffen. Die Gefangenen wurden alle fotografiert und dokumentiert, dann gefesselt und in den Zellen festgekettet. Heute kann man im Museum noch immer die Zellen sehen, dazu sind die tausenden Fotos der Häftlinge ausgestellt. Die Blicke der Gefangenen erschüttern einen wirklich zutiefst, teilweise sind Mütter mit ihren Babys abgebildet. Die Gesichter zeigen die komplette Bandbreite menschlicher Gefühlsregungen und scheinen einen direkt anzuschauen. Etliche Fotografien stellen auch gefolterte Menschen dar. Gefoltert wurde man, um Geständnisse zu erpressen, dass man gegen irgendwelche Regeln der Roten Khmer verstoßen hatte oder mit irgendwelchen Geheimdiensten zusammenarbeiten würde. Völlig verrückt! :-(
 |
| Tuol-Sleng-Museum |
 |
| Hastig erbaute Mauern, um Zellen zu schaffen |
 |
| Der ganze Raum ist voller Zellen links und rechts, die Wände sind durchgebrochen |
 |
Wie makaber ist das denn?
"Versäumen sie nach dem Besuch des Museums nicht, handgemachte Seide zu kaufen" |
Unter dem Vorwand, dass man sie wieder freilassen würde und sie zu schönen neuen Häusern bringt, wurden regelmäßig Gefangene auf LKWs verladen und südlich Phnom Penhs nach Choeung Ek gebracht – einem der 300 Massenmordlager Kambodschas. Dort wurden die Menschen unter Beschallung mit lauter kommunistischer Musik zu hunderten täglich umgebracht. Um Munition zu sparen, wurden die meisten Gefangenen zu Tode geprügelt. Selbst vor Frauen, Kindern und Babys machte man nicht halt. Babys wurden an den Füßen gehalten und gegen einen Baum geschlagen, bis sie tot waren. Dann wurden die Menschen zu hunderten in Massengräbern verscharrt. Die Grausamkeiten, die hier vonstatten gingen, wagt man sich gar nicht vorzustellen.
 |
| Überall die Gruben der Massengräber |
 |
Links neben der Hütte ist der Baum, an dem die Babys getötet wurden.
Unter dem Dach befindet sich das Massengrab der Frauen und Kinder |
Bei dem Besuch dieser Anlage bekommt man die Möglichkeit, sich einen Audioguide aufzusetzen, was wir auch getan haben. In diesem wird einem entlang des Weges durch die Killing Fields erklärt, was dort alles geschah und man kann sich Berichte von Augenzeugen und Überlebenden anhören. Noch heute werden regelmäßig Knochen und Kleidung der Gefangenen aus dem Boden gespült, wenn es viel geregnet hat und man sieht überall auf dem Gelände die riesigen Kuhlen, die als Massengräber dienten. Zum würdevollen Gedenken an die Tausenden Opfer wurde ein riesiger Gedenkstupa aufgestellt, der mit den Schädeln und Knochen einiger der Ermordeten, sowie ihrer Kleidung gefüllt ist. Der Besuch dieser Anlage hat uns sehr betroffen gemacht. Es ist wirklich unfassbar, wie unsagbar grausam Menschen sein können.
 |
| Gedenkstupa |
 |
| Mehrere Etagen voller Knochen der Opfer |
Nochmal zurück zur Geschichte Kambodschas. Die Vietnamesen machten der Herrschaft der Roten Khmer am 7. Januar 1979 ein Ende. Als sie Phnom Penh befreiten, waren im S-21-Gefängnis nur noch 7 Gefangene am Leben. Die Roten Khmer flohen mit so vielen Zivilisten, wie sie ergreifen konnten, in den Westen und versteckten sich in den Bergen nahe der thailändischen Grenze. Die Vietnamesen bildeten zusammen mit ehemaligen Beamten der Roten Khmer eine neue Regierung. Im Tumult der Befreiung war kaum Reis angebaut worden, so dass es eine Hungersnot gab und desweiteren Bürgerkriege ausbrachen, die sich die ganzen 1980er Jahre hinzogen.
1991 unterzeichneten alle Parteien (auch die Roten Khmer) den Pariser Friedensvertrag und die Vereinten Nationen übernahmen für 2 Jahre die Regierung des Landes. Von 1993 bis 2004 übernahm König Sihanouk wieder die Macht, bis er dann den Thron an seinen Sohn weiter gab. Die Roten Khmer haben in den ganzen Jahren allerdings beständig im Hintergrund weitergearbeitet und nach wie vor stehen heutzutage Mitglieder des Massakers von 1975 vor Gericht. Pol Pot entging der Justiz, er starb 1998 und wurde auf einem Haufen alter Reifen verbrannt.
Die Herrschaft der Roten Khmer dauerte drei Jahre, acht Monate und 20 Tage. In dieser Zeit wurden knapp 3 Millionen Menschen umgebracht. Heute liegt das Durchschnittsalter der Kambodschaner bei nur 22 Jahren, da damals eine ganze Generation ausgelöscht wurde. Mittlerweile ist die Bevölkerung wieder auf rund 15 Millionen Menschen gewachsen. Es ist unfassbar, wenn man sich vorstellt, dass scheinbar wirklich jeder einzelne der Menschen, die man auf der Straße in Kambodscha sehen kann, einen Großteil seiner Familie in den Zeiten des Regimes der Roten Khmer verloren hat.
Hallo ihr beiden Reisenden,
AntwortenLöschender bericht über die Vergangenheit Kambodschas hat mich ganz schön betroffen gemacht - dass der Tag für euchs ehr bewegend war, kann ich mir denken. Und dass ihr nicht sofort darüber schreiben mochtet, ist auch verständlich.
Die Geschichte mit den Bettwanzen ist gruselig. Uh. Das wäre für mich auch Ekelfaktor hoch drei. Widerlich. Und dann in der Mitte der Nacht eine neue Unterkunft zu suchen ist ja auch alles andere als traumhaft... :-(
Die Fotos sind aber wieder immer toll und beeindruckend. Vor allem die Bilder von eurem Essen find ich immer gigantisch!! :-)
Liebe Grüße!
Ach Anna, du gute treue Seele! Du bist (neben Jans Schwester) unser fleißgstes Schreiberlein :-) Danke für deine lieben Worte!
AntwortenLöschenLiebe Grüße von uns zu dir! (der Knuddelbär fehlt hier leider) :-)
Die Froschschenkel hätte ich auch probiert, Jan, du weißt ja, dass ich gern Hähnchenflügel esse. So ähnlich stelle ich mir die Froschschenkel auch vor, oder? Ines ist es bei diesem Anblick vielleicht gleich wieder "kodderig" geworden!
AntwortenLöschenJaja das Fleisch schmeckt wirklich wie ganz feines Hähnchenfleisch. Nur das an so einem kleinen Schenkel nicht viel dran ist. :-)
AntwortenLöschen